Projekt-Camp:
Entwicklung eines Gemeinwohl-Produkts

Frische Impulse für´s Bruttoinlandsprodukt

Bilden die Finanzdaten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) die gesellschaftliche Gesamtleistung ausreichend ab? Oder sind nicht vielmehr auch solche Indikatoren wichtig, die eine Orientierung von Wirtschaft und Verwaltung am Gemeinwohl messen lassen? Ein „Projekt Camp“ der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ)-Bewegung in der Gerlinger Mitmachzentrale ging vom 7.-10.9. mit rund 30 Teilnehmenden dieser Frage nach – mit spannenden Ergebnissen.

Ein viertägiges, vollgepacktes und wohlstrukturiertes Programm, 30 hochmotivierte Mitwirkende, eine fachlich und didaktisch gute Moderation und ein räumlich, organisatorisch und kulinarisch passender Rahmen – dieses Rezept erwies sich als ideal, um eine durchdachtes und detailliertes Ergebnis zu erreichen. Wie verliefen die Tage und was kam heraus?

Am Ankunftstag erfuhren die Teilnehmenden neben Grundprinzipien zur gewaltfreien und konstruktiven Kommunikation Grundsätze des GWÖ-Konzepts und der geplanten Vorgehensweise. Im Kern ging und geht es um die Ermittlung von Indikatoren, welche auf Gemeinwohlorientierung in messbarer Form schließen lassen. Themengebiete wären z.B. das Bildungsniveau im Land, soziale Absicherung der Einwohner*innen, aber auch Umweltverbrauch oder Fairness im Umgang mit Mitarbeitenden. So leicht sich vielleicht die Schlagworte und Kategorien finden lassen, so schwer (und oft heiß umstritten) wurde es später, diese so weit zu konkretisieren, dass daraus messbare Größen und Zielwerte wurden.

Der zweite Tag verlief nach weiteren Hinweisen zur Arbeitsweise im Plenum weitgehend in vier Arbeitsgruppen. Diese hatten zunächst die Aufgabe, je für sich zu den 5 Bereichen Glück/Zufriedenheit, Individuum, Gesellschaft, Umwelt sowie materielle und finanzielle Aspekte geeignete Themen für die Gemeinwohl-Messung auszuwählen und sich anschließend Gedanken zu möglichen Indikatoren zu machen. Schon hier zeigte sich, welch unterschiedliche Sichtweisen auf den gleichen Punkt in dieser – eher zufällig, rein auf Anmeldung zustande gekommenen – kleinen Arbeitsgemeinschaft herrschten. Gleichwohl sorgte eine von der gemeinsamen Motivation getragene Harmonie unter den Teilnehmenden ebenso wie gekonnte Gruppenmoderation dafür, dass fast alle Konflikte am Schluss eher zu Ergebnissen als zu offenen Fragen führten.

Von den Moderator*innen in den Abendstunden neu gruppiert, präsentierten sich die mit Karten auf Metaplantafeln festgehaltenen Vorschläge am dritten Tag jeweils komplett einem der Bereiche zugeordnet. Nun ging es an die spannendste Arbeit für die Gruppen, nämlich zunächst Überschneidungen auszusortieren, und dann den verbleibenden Indikatoren messbare Wertebereiche zuzuordnen. An allen Tafeln ging es dabei zum Teil „hoch her“, und bis in die Abendstunden wurde engagiert diskutiert. Ein Beispiel: die Verkehrswende ist in aller Munde. Aber spürbare Verbesserungen messbar zu machen, führt zwangsläufig stark ins Detail. So landete man beim Grad der Erreichbarkeit einer – mit zusätzlichen Mindestanforderungen belegten – ÖPNV-Haltestelle sowie dem Anteil der ausschließlich durch nicht für den Autoverkehr nutzbaren Verkehrsfläche an derjenigen für gesamten Verkehr. Aufgelockert wurde der Tag durch einen Besuch von Dr. Markus Rösler, MdL der Grünen, der sich mit großem Interesse über den Stand der Arbeiten informierte und zusätzlich den Teilnehmenden Rede und Antwort zu seiner parlamentarischen Arbeit zum Thema stand.

Tag 4: Inzwischen machte sich beim wie üblich um 08:00 Uhr eingenommenen Frühstück ein wenig Erschöpfung bemerkbar. Gleichwohl gingen alle dann frisch gestärkt an die Schlussredaktion des gemeinsamen Arbeitsergebnisses, welches mit Hilfe des Systemischen Konsensierens demokratisch verabschiedet worden ist. Am Nachmittag wurde zum krönenden Abschluss im Rahmen einer öffentlichen Podiumsdiskussion das Gemeinwohl-Produkt von zwei Teilnehmenden präsentiert. Diesem lauschten inzwischen gespannt ein angewachsener Kreis von Anwesenden: neben Teilnehmenden und Publikum lauschten vier Personen mit großer Aufmerksamkeit: Norbert Knopf (MdL Grüne und GWÖ-Sprecher), Judith Stürmer (Stadträtin von den Jungen Gerlingern), Michaela Nowraty (Geschäftsführerin von dem gemeinwohl-bilanzierenden Unternehmen Polifant) und Prof. Dr. Klaus Gourgé (Professor für Wirtschaft und Recht der HfWU Nürtingen-Geislingen): Sie erörterten anschließend in einer engagierten, jedoch sachlich und eher nachdenklich geführten Podiumsdiskussion die erreichten Ergebnisse und erste Schlussfolgerungen für Politik und Wirtschaft. Während von allen Teilnehmern die GWÖ-Initiative als solche gelobt und betont wurde, dass der Blick auf die Zukunft uns hier und heute zum Umdenken und Handeln zwingt, divergierten die Ansichten hinsichtlich der Umsetzung: Die Politik scheint ein Stück weit darauf zu warten, dass sich in der Gesellschaft etwas bewegt, bevor sie selbst gestaltend eingreift. Wirtschaft und Wissenschaft drängten dagegen auf konkrete Schritte, durchaus auch mal experimenteller Natur. Insgesamt wird bis zur Umsetzung eines Gemeinwohl-Produkts durchaus ein langer Atem und viel Überzeugungsarbeit erforderlich sein. Aber es wird sich lohnen – nein, es ist unumgänglich! Motivierende Worte aus der Politik an die Teilnehmenden waren „einfach machen und darüber sprechen“ – demnach hat die GWÖ mit ihrem Projekt-Camp wohl alles richtig gemacht! Visionäre und mutige Anreize aus der Wissenschaft gingen noch einen Schritt weiter und führten direkt zu der Idee für das nächste Projekt-Camp: „Das BIP als Teil des Gemeinwohl-Produkts – der nächste Schritt für ein #guteslebenfüralle“.

Das Ergebnis des Projekt Camp kann sich sehen lassen: Zu den schon genannten 5 Bereichen wurden insgesamt 84 Indikatoren erarbeitet (zu Beginn waren es 157) und zum größten Teil bereits mit Wertebereichen hinterlegt.

Weitere Projekt-Camps sollen durchgeführt werden, welche abhängig von bewilligten Fördermittel sind. Ziel ist es mit diesem Konzept ein Gemeinwohl-Produkt mit öffentlicher Beteiligung zu entwickeln, das sodann auf der politischen Ebene als Vorschlag eingebracht wird mit dem Ziel eines demokratisch legitimierten Gemeinwohl-Produkts auf Bundesebene.